Lydia Hempel anlässlich der Ausstellung "Darkside" / September 2015

GroĂźe GefĂĽhle auf kleiner Wand
„Ich habe kein Gedächtnis. Jeder Tag ist ein neuer Tag, weil ich mich an den Tag zuvor nicht erinnere. Jede Minute ist wie die erste Minute in meinem Leben. Ich versuche, mich zu erinnern, aber ich kann nicht. Deshalb bin ich mit meinem Kassettenre- corder verheiratet... Mein Gedächtnis ist wie ein Kassettenre- corder mit einem Knopf – Auslöschen.“
Andy Warhol

Melancholische Stimmungsbilder neben „starken Farben“ und sentimentale Textpassagen im Trashgestus machen die künstlerischen Tonlagen Theo Hubers aus. Die Präsenz seiner Arbeiten liegt in seiner Stimme. Sie ist das entscheidende Mittel in seinen Zeichnungen, Videos oder Live Acts. In Gedankensplittern und Bildreflexen spricht hier das räsonierende Ich des Beatpoeten in einer markanten lakonischen Lässigkeit. Geschrieben, intoniert und in Bildkulissenwelten ausgedrückt ist seine künstlerische Arbeit mehr noch als durch ihre wie zufällig aufblitzenden Inhalte durch den Rhythmus des Skizzierten und den Kosmos des Neben- einanders bestimmt. Aus Lamento wird Session.
Hubers künstlerische Prägnanz resultiert aus dem Habitus des Outsiders und Wanderers durch Alltag und Zeit. In der Form des skizzierenden, rezitierenden und musikalisch intonierenden Ichs ist das Durchforschen und Ausloten einer dunklen Seite des Bewusstseins zwar sein Thema, nicht aber Antrieb im Sinne existenzialistischer Fragestellungen. Sein bildnerisches Interesse, gleichwohl ob es zeichnerisch und alltagspoetisch notiert oder darstellerisch und musikalisch performt seinen Ausdruck findet, liegt in der Form der Befragung und ihrem melodischen Duktus. In dem schwingenden Pathos, mal mit wehmütigem, mal mit euphorischem Grundrhythmus, geht es nicht um eine tragische Gestimmtheit vor dem Hintergrund eines pathologischen Interesses. Die eigene Konstitution ist in Hubers Selbstbefragung gewissermaßen nur das Medium, durch den sich der Ton einer subjektiven Alltagsbetrachtung vergegenständlicht, der die Trivialkultur in der einzelnen Wahrnehmung monumentalisiert.
Die Artefakte Hubers stehen in Form und Inhalt im Zeichen der Popkultur, sie ist Mutter des künstlerischen Gedankens. In Hintergrund, Gestus und Medienformen bewegt sich Huber ganz klar und souverän auf dem Fundament der Beatgeneration. Ihr Vermächtnis auch in der deutschen Jugendkultur der 90er Jahre hat er im Tonfall verinnerlicht, geprägt durch das Umfeld der Hamburger Schule und die zelebrierte Larmoyanz und Subjekti- vität von Bands wie Tocotronic, Blumfeld und den Goldenen Zitronen. Ganz im Sinne des Pop geht es nicht um ein Beklagen sondern eine Ist-Analyse aus dem eigenen Gefühl, Handeln und dessen unmittelbarem O-Ton heraus. Hubers Alltagsbetrachtung in der Grundstimmung der Jugend- und Popkultur ist ihm Formraster – im amerikanischen Traum gewissermaßen den amerikanischen Traum entlarvend. Verbale oder zeichnerische Momentaufnahmen bilden eine Poesie des trivialen Augenblicks und der orientierenden Versuche der Ichformulierung. Wie für eine Charakteristik zu Kerouacs „On the road“ ausgedrückt, kann man auch für Hubers Arbeiten sagen, dass sie in Melodie und vorwärtsdrängendem Rhythmus der Sätze und in der Kunst, Stimmungen aus genauen Beschreibungen zu erzeugen, musikalisch und visuell zugleich funktionieren - und hier auch operieren. In der konsequenten Ich-Perspektive wird mit der Sprache der Adoleszenz und ihrem hedonistischen Pathos zugleich der ihm innewohnende latente Moment von Verletzlichkeit transportiert, als Zitat einer Chronik jugendlichen Umhergetrieben- und Ungebundenseins. Im Gestus der Subjektivität der Sprache und einer unbeteiligten Beteiligtheit liegt letztlich so etwas wie eine distanzierte und sachlich objektivierende Bestandsaufnahme als Form zwischen Reportage und lakonischem Ausblick und zwischen beobachteter Realität und Irrealität visionärer Orientierung. Hubers Tonfall und Weltbetrachtung in ihrer holpernden, suchenden und unprätentiösen, offen verkörperten unperfekten Formulierung sind eigentlicher Inhalt seiner Arbeit vor dem Hintergrund einer literarischen und musikalischen Traditionslinie. Der radikale Pop- Ansatz, wie er sich z.B. im Statement „Ich male, was ich möchte, wann ich möchte und wo ich möchte“ und Bildern wie “Wir beiden Jungs, einander umklammernd“ von David Hockney aus den 60er Jahren verkörpert, ist Huber nicht nur Ansatz sondern ist ihm auch einer Ironisierung wert, die sich bildnerisch in Vasen- neben Vanitasmotiven und Rocker- neben Schmerzsymbolik auslebt.
Sein „Dia Blues“ nimmt in absolut schlagender Form all diese Momente des Interesses der Verbindung von Bildsemiotik, Medienreflexion, Trivialkultur und Populärmusik in sich auf. Der Wechsel der Verszeilen im Rhythmus des Wechsels der Dias begleitet von ihrem Taktschema und Off-Ton folgt einer melodischen Grundfunktion – sich dabei konsequent als hand-made präsentierend. Der Anfangsvers „Ich hab den Blues“ gibt in der Verhaltenheit seines Gestus in Abhängigkeit von der Schwerfälligkeit des Mechanismus des Diaprojektors auch einen Anklang auf den Blues im Sinne von feeling blue und seinen wehmütigen Habitus.
Sprach- und Bildfetzen sind Hubers Arbeits- und Bildform. Sie folgen dem Prinzip des Statement bzw. Understatement eines Underdog. Die mit ironischem Grundtenor als „große Gefühle auf kleiner Wand“ konzipierte Bilderwand im Grafikladen, die eine überbordende Selbstbetrachtung praktiziert und zugleich in den Formklischees in ihrem Gebrauch ironisiert, umfasst wie beiläufig und ruhelos entstandene Bild- und Textblätter mit u.a. verbalen Beschreibungen trüber morgendlicher Gemütslage oder nachmittäglichen Verzweifelns neben expressiven Aquarellen und Zahlenvariationen mit dem Geburtsjahr etc in einer konsequenten Verinnerlichung der Sprachformen, die keine Trennung zwischen Kunst und Leben vornimmt. Indem Hubers künstlerisches Herangehen grundsätzlich von einem Aufführungscharakter bestimmt ist, wo sich stets unterschiedliche Aufzeichnungen in Cut-up – Technik zusammensetzen, ist in seinen Präsentationen auch der Live Act eine Möglichkeit im Spektrum der subjektivierten Äußerungsformen. Hubers pointierte Artefakte kreisen um die stimmliche Anwesenheit - gesprochen, geschrieben oder in ein zweidimensionales Bildzeichen oder eine Handlung im Bühnen- und Filmkulissenraum gesetzt. Ob als „Medium“, Körper oder Hampelmann aufgeführt bilden sie einen vom subjektiven Autor letztlich losgelösten O-Ton, der nachhallt und in seinen konkreten Äußerungen und Medienformen Produkt einer objektiven Praxis und Fortschreibung (sub)kultureller Diskurse und Entwicklungen ist.
Lydia Hempel